Ausstellung in der Kiezkapelle
31.01.– 08.02.2026
Täglich 12-19 Uhr
Kiezkapelle Neukölln (Hermannstraße 102, 12051 Berlin)
Eintritt frei
In der Ausstellung wird eine Handvoll verkohlter Traubenkerne aus einem 5000 Jahre alten ägyptischen Grab zum Ausgangspunkt für eine kritische Auseinandersetzung mit kolonialen Sammelpraktiken und kulturellem Erbe.
Sie bricht mit traditionellen Museumsnarrativen, indem sie ägyptologische, ethnobotanische und dekoloniale Perspektiven miteinander verknüpft. Durch Filme, zeitgenössische Kunst und partizipative Formate entsteht ein Raum für Erinnerung und Neubestimmung musealer Praxis.
In Kooperation mit der Stiftung Stadtmuseum Berlin.
Programm
Vernissage
Freitag, 30.01.2026
Ab 18 Uhr
Eintritt frei
Kommt vorbei, um als erste einen Blick auf unsere Ausstellung zu werfen.
Die Performance ‘Error 404: Soil Not Found’ von Yupanqui Ramos leitet den Abend ein.
PORTRAIT OF AN ANTI-HERO
Performance von Leila Patzies
Sonntag, 01.02.2026
16 Uhr

Mythos, Macht, Museum
Im Gespräch mit Bénédicte Savoy und Jeanne-Ange Wagne
Sonntag, 01.02.2026
17 Uhr
Sprache: Deutsch


Künstler*innen
ERROR 404: SOIL NOT FOUND, Yupanqui Ramos
Drei Performende werden zu Repräsentant:innen von Mais, Kürbis und Bohnen und zeichnen die Geschichten dieser Pflanzensamen nach. Diese bewegen sich zwischen landwirtschaftlichem, indigenem Wissen wie dem Milpa-System und der Genmanipulation durch die CRISPR-Cas9 Methode zur Erzeugung leistungsstarker Pflanzen. Zum Abschluss der Performance fragen die Samen: Wem gehört das Leben und was geht verloren, wenn Gene bearbeitet werden? Das Saatgut des Milpa-Systems pflanzt sich in einem politischen Akt selbst an und erkennt, dass es in Abhängigkeit und Verbindung miteinander steht, genau wie bei der Philosophie und dem Open-Source Betriebssystem Ubuntu, aus dem südlichen Afrika. Demnach existiert kein Gen isoliert. Eine Philosophie des Kollektivismus steht dem des westlichen Individualismus gegenüber.
Die Performance zeigt, in welchen Zusammenhängen Saatgut verwickelt ist und welche politischen Entscheidungen hiermit einhergehen. Die Samen sind lebendig und verkörpern Wissen. Hierdurch entsteht eine Perspektive auf Saatgut zum Subjekt. Diese Perspektive findet sich nicht im musealen Objektbegriff wieder. Die Performance soll zu einem Wechsel der Perspektive in Museologie und Botanik einladen.
Yupanqui Ramos wurde in Mexiko geboren und lebt in Berlin. Sie ist Künstlerin und Kostümdesignerin und studiert derzeit im Masterstudiengang Raumstrategien an der Weißensee Kunsthochschule, Berlin. Ihre Praxis untersucht kritisch koloniale Dynamiken im Umweltkontext und die Beziehungen zwischen Kultur, Natur und Technologie.

Southern Oscillations, Carlos Sfeir
Ausgangspunkt der Installation ist die trockenste Wüste der Welt in Chile: Atacama. Durch das globale Naturphänomen El Niño, kommt es in unregelmäßigen Abständen zu Niederschlägen, wodurch Vegetation in der Wüste möglich wird.
Die seltene Muschel Spondylus, galt in der indigenen Kosmologie als Speise der Götter und wandert noch immer mit dem warmen Wasser nach Süden und kündigt dort den Beginn fruchtbarer Regenfälle an den Wüstenküsten an.
Der Name El Niño bedeutet “der Junge” und referiert auf das Christuskind. Es steht in Chile in einem christlich kolonial spanischen Zusammenhang und beschreibt das Naturphänomen, da es um die Weihnachtszeit auftritt.
Die Installation macht die Verbundenheit von Klima, Kolonialismus und Erinnerung erfahrbar und zeigt dadurch, die Zusammenführung von Gegensätzen und macht multiple Identität sichtbar.
Im Rahmen der Ausstellung Kernfragen – Grains of Memory erweitert die Arbeit diese Spannungsfelder um die Frage, wie Wissen in Landschaften, Materialien und natürlichen Zyklen gespeichert wird. Damit öffnet sie einen Dialog zu den ausgestellten Sammlungsobjekten und künstlerischen Positionen, die sich ebenfalls mit Bewahrung, Transformationsprozessen und kulturellem Gedächtnis auseinandersetzen.
Carlos Sfeir Vottero wurde in Chile geboren und lebt in Berlin. Er studierte Architektur an der Universidad Católica de Chile und schloss anschließend ein Masterstudium in Contextual Design an der Design Academy Eindhoven ab. Seine Arbeit umfasst Skulptur, Malerei und Installation und basiert auf einer intensiven Auseinandersetzung mit Landschaft, Materialität und Erinnerung.

Borrowed Landscapes, Julia Emslander
In ihren Arbeiten nutzt Julia Emslander die Anthotypie als bildgebende Technik: die Bilder aus der Serie Borrowed Landscapes verblassen mit der Zeit und gewinnen in der Betrachter*in-Erfahrung neue Schichten. Dieses Verblassen wird zur Metapher für die flüchtige Präsenz von Erinnerungen, Geschichten und den Zyklen des Lebens wie der Natur.
Zentraler Bezugspunkt ist die französische Botanikerin Jeanne Barret (1740 – 1807), die als erste Frau in der Geschichte die Weltumsegelung vollendete, ein Fakt, der lange der männlichen Wissenschaftsgeschichte überlassen wurde, weil sie sich als Mann verkleiden musste, um an der botanischen Expedition von Louis-Antoine de Bougainville teilzunehmen und zu sammeln. Auf dieser Reise trugen Barret und der Botaniker Philibert Commerson mehr als 6.000 Pflanzenproben aus Südamerika und dem Südpazifik zusammen. Zwar war sie fachlich gleichwertig und hat den Großteil der Proben gesammelt, doch wurde ihr Beitrag unsichtbar gemacht oder Commerson zugeschrieben. Erst 2012 erhielt sie postum mit der Benennung einer Pflanzenart einen eigenen Namen in der Wissenschaft.
Barrets Geschichte ist untrennbar mit den kolonialen Expeditionen des 18. Jahrhunderts verbunden. Auch wenn sie als Frau in der Wissenschaft marginalisiert wurde, war sie zugleich aktiv an der Aneignung botanischer Ressourcen beteiligt und somit Teil kolonialer Wissensproduktion. Ihre Beiträge erweiterten die europäische Naturkunde – jedoch auf Kosten indigener Wissenssysteme und lokaler Ökologien.
Emslanders Arbeit verweist auf diese doppelte Verstrickung: die Auslöschung weiblicher Wissenschaftsgeschichte einerseits und die Notwendigkeit einer kritischen, dekolonialen Neubetrachtung jener historischen Figuren andererseits.
Julia Emslander studierte an der Akademie der Bildenden Künste bei Professor Gregor Hildebrandt und schloss 2022 ihr Studium mit besonderer Auszeichnung ab. Sie lebt und arbeitet in München und Berlin. Als transdisziplinäre Künstlerin arbeitet sie von Malerei über Zeichnung, Performance und Musik. Für Emslander ist Material nicht nur Medium, sondern Denkraum: ein Ort, an dem Erinnerung sichtbar wird, fragmentarisch und fragil, ähnlich wie die Samen und Objekte dieser Ausstellung, die erst bei genauer Betrachtung wieder auftauchen.

